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Ein Trio simuliert Rio

[14. Januar 2016, 13:06 | Kein Kommentar] by

Starten derzeit nachts (v. l.): Franziska Hentke, Florian Wellbrock und Juliane Reinhold. Foto: Daniel Hübner

Von Daniel Hübner

Magdeburg | Um 1.30 Uhr beginnt derzeit die Nachtruhe für Franziska Hentke. Sie präpariert sich dazu mit Augenmaske und Ohrenstöpseln, obwohl in ihrem Lebensumfeld im Magdeburger Stadtteil Cracau allenfalls das Zwitschern von Amsel und Drossel und allen anderen Vögeln zu hören ist. Hentke kämpft aber nicht gegen das Pfeifen von den Bäumen an, sondern gegen die Macht der Gewohnheit, die das tägliche Erwachen nämlich für 7 Uhr vorsieht. Derzeit steht auf ihrem Plan allerdings: „10.30 Uhr – aufstehen.“ Worüber nun jeder junge Athlet jubeln würde, ist für Hentke ein Härtetest für die Olympischen Spiele in Rio im kommenden August. Und er ist es außerdem für SCM-Teamgefährte Florian Wellbrock und Trainingsgast Juliane Reinhold (SSG Leipzig).

Das Sportlerleben ist eines der härtesten in diesen Tagen für die Athleten und nicht zuletzt für Trainer Bernd Berkhahn. Sein Tag beginnt um 5.45 Uhr in der Elbehalle, wenn die erste SCM-Gruppe zum Training erscheint. Und er endet um Mitternacht, wenn sich das Olympia-Trio aus dem Becken verabschiedet. Hilft ja nichts, sagte sich Berkhahn, der Ernstfall Olympia muss geprobt werden. Der Deutsche Schwimmverband (DSV) hat dies empfohlen für „jeden ambitionierten Athleten, der in Rio starten will“, so der Coach. In Rio ist nämlich alles anders: Die Vorläufe werden dort um 13 (18 Uhr MEZ) gestartet, die Halbfinals und Finals um 22 Uhr (3 Uhr MEZ).

Wenn also die Nacht hereinbricht über der Copacobana, geht es im Becken um Gold – so spät wie bei keinen anderen Sommerspielen zuvor. Und das alles auf Wunsch des US-amerikanischen Fernsehsenders NBC, der seine Stars Katie Ledecky, Missy Franklin oder Michael Phelps somit zur „Prime Time“ (20 Uhr) bildgerecht im Fernsehen servieren kann. „Deshalb versuchen wir in dieser Woche, nach diesem Rhythmus unser normales Trainingsprogramm zu absolvieren und zu leben“, erklärte Berkhahn in der ersten Versuchsnacht am Montag.

Und der Rhytmus sieht so aus: Frühstück nach dem Aufstehen um 10.30 Uhr, um 12 Uhr erstes Training, danach Krafteinheit oder Massage, Mittag um 17 Uhr, danach Mittagsruhe, zweites Training um 22 Uhr, danach Abendbrot, Nachtruhe um 1.30 Uhr. „Die Umstellung wird schon schwierig sein an den ersten beiden Tagen“, war sich Berkhahn sicher.

Sie war aber nicht schwierig für die 26-jährige Franziska Hentke, der „Schmetterling“ fühlte sich immer „völlig munter und voll anwesend“ zur späten Stunde. „Für mich lief die erste Einheit überraschend gut. Und gut einschlafen kann ich immer“, erklärte sie lächelnd. Fazit nach zwei Tagen: „Schwer gefallen ist mir noch gar nichts, außer dem langen Schlafen.“

Juliane Reinhold hatte zunächst Mühe, sich „um 21 Uhr zum Training aufzurappeln. Aber einmal im Wasser und der alte Trott ist wieder da“, meinte die 21-Jährige. Allerdings hatte die Lagenspezialistin nach dem zweiten Rio-Tag am Dienstag eher Schwierigkeiten, den neuen Lebensrhythmus körperlich zu akzeptieren. Sie hatte Probleme einzuschlafen, um 5.48 Uhr war sie zum ersten Mal wach. Aber sie hat auch ihr persönliches Motto für diese Woche gefunden: „Alles eine Frage der Einstellung: Man muss sich einfach nur einreden, dass es normale Trainingszeiten sind, dann passt es schon.“

So einfach hätte es sich auch Florian Wellbrock gerne gemacht. Aber dem 18-Jährigen, der über die 1500 Meter Freistil nach dem Ticket für Rio greifen will, fällt nur der Schlaf am einfachsten: „Ich werde um 10.30 Uhr durch den Wecker geweckt.“ Wie auch Reinhold „kam mir der zweite Rio-Tag härter vor. Ich hatte vor allem zwischen 17 und 19 Uhr mit Trägheit und Müdigkeit zu kämpfen“, so Wellbrock. Überhaupt sei es ungewohnt zu schwimmen, „wenn ich eigentlich schon im Bett liegen sollte“.

Als einzige Konstanten aus ihrem normalen Alltag sind Hentke und Co. das Trainingsprogramm und die Ernährung geblieben: Das Montagsmenü von Wellbrock las sich zum Beispiel so: „Direkt nach dem ersten Training gab es Nudeln mit Bolognese, vor der zweiten Einheit Schnitzel mit Kartoffeln und nachts die Nudel-Reste sowie Quark mit Banane.“

Berkhahn muss derweil nicht nur die Schwimmer in Laune halten und sich selbst, er fungiert sogleich als Laborgehilfe. Am Montag zum Beispiel hat er vom Ohrläppchen seiner drei Athleten Blut abgezapft, Freitagnacht wird er das wiederholen. „Wir müssen schauen, wie subjetives Wohlbefinden und Leistung im Wasser sind“, erklärte der 44-Jährige. „Wenn sich etwas verändert, dann auf der hormonellen Ebene“, ist er sich sicher.

Berkhahn wird die Erfahrungen mit dem DSV-Verbandsarzt Michael Ehnert auswerten: „Wir müssen abwarten, wie jeder Sportler die Umstellung verträgt. Wenn es nicht gut gelaufen ist, dann werden wir das Prozedere wiederholen. Und dann müssen wir schauen, ob wir den Rhythmuswechsel individuell schneller in die richtige Richtung bringen können.“

Ist es gut gelaufen, werden sich die Athleten erst mit ihrer Anreise 14 Tage vor Beginn der Spiele am 6. August in Rio auf den olympischen Kreislauf einstellen. Und das ist die gute Nachricht für Franziska Hentke: Bis dahin kann sie jeden Morgen um 7 Uhr aufstehen.

Quelle: volksstimme.de

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